Selektivität bei Glas – warum das Verhältnis von Licht und Wärme entscheidet

Selektivität bei Glas – warum das Verhältnis von Licht und Wärme entscheidet

Mehr als g-Wert und Ug-Wert: die Kennzahl, die Glasqualität wirklich verrät

In der modernen Architektur ist die Glasfassade kein passives Bauteil mehr, sondern ein präzise abgestimmtes Filtersystem. Es muss den Spagat zwischen größtmöglicher Transparenz und energetischer Vernunft schaffen. Planer und Bauherren schauen meist zuerst auf den Ug-Wert (Wärmeschutz) oder den g-Wert (Sonnenschutz). Über die tatsächliche Leistungsfähigkeit einer Verglasung sagt jedoch eine dritte Größe am meisten aus: der Selektivitätswert. Er beschreibt, wie intelligent eine Beschichtung arbeitet – und entscheidet, ob ein Raum im Sommer überhitzt oder trotz wirksamem Sonnenschutz hell und natürlich belichtet bleibt.

Was ist der g-Wert?

1. Was die Selektivität tatsächlich beschreibt

Die Selektivität (S) ist keine eigenständige physikalische Einheit, sondern ein Verhältniswert. Sie stellt den Lichttransmissionsgrad Tv ins Verhältnis zum Gesamtenergiedurchlassgrad g (g-Wert). Nach der europäischen Norm DIN EN 410 gilt:

S = Tv / g

Lichttransmission (Tv): Anteil des sichtbaren Lichts (Wellenlänge 380 bis 780 nm), der durch die Scheibe nach innen gelangt.

Gesamtenergiedurchlassgrad (g-Wert): die gesamte einfallende Energie – also die direkt durchgelassene Strahlung plus die Wärme, die absorbierte und dadurch erwärmte Scheiben nach innen abgeben.

Ziel ist ein hoher Zähler (Tv) bei niedrigem Nenner (g-Wert). Lässt ein Glas 70 % des Lichts, aber nur 35 % der Wärme herein, ergibt sich eine Selektivität von 2,0.

2. Von der Tönung zur Hochleistungsbeschichtung

Sonnenschutz war über Jahrzehnte ein Kompromiss. Frühe Gläser waren entweder stark eingefärbt oder metallisch verspiegelt – mit sinkendem g-Wert brach immer auch die Lichtdurchlässigkeit ein. Die Folge: Man saß zwar kühler, musste aber selbst tagsüber künstlich beleuchten. Energetisch und für das Raumgefühl ein schlechtes Geschäft.

Den Durchbruch brachte das Magnetron-Sputter-Verfahren. Im Hochvakuum werden hauchdünne Edelmetallschichten – meist Silber – auf das Glas aufgebracht. Je nach Schichtaufbau entstehen unterschiedliche Leistungsklassen: Double-Silver-Schichten erreichen Selektivitätswerte um 1,8 bis 1,9, moderne Triple-Silver-Technologien bei ausgewählten Hochleistungsprodukten über 2,1.

Diese Schichten wirken als spektrale Filter: Sie lassen kurzwelliges, sichtbares Licht weitgehend passieren, reflektieren aber einen großen Teil der langwelligen Infrarotstrahlung – also der Wärme. So lässt sich viel Tageslicht mit wirksamem sommerlichem Wärmeschutz kombinieren.

3. Warum 2,0 als Orientierungsmarke gilt

Der Selektivitätswert ist in der Fachplanung ein zentraler Leistungsindikator für Sonnenschutzglas. Welcher Wert sinnvoll ist, hängt von Nutzung, Gebäudetyp und Fassadenkonzept ab. Gerade bei anspruchsvollen Verglasungen gewinnen hohe Selektivitätswerte an Bedeutung.

Tageslicht ist die günstigste und gesündeste Lichtquelle im Gebäude. Untersuchungen zum Biophilic Design belegen, dass natürliches Licht Fehlzeiten senkt und die Konzentration fördert. Ein hochselektives Glas reduziert die Kühllasten und steigert die Tageslichtautonomie spürbar. Breite Produktfamilien – etwa die über 60 Varianten der SOLARLUX®-Reihe – erlauben es, für jedes Projekt den exakt passenden S-Wert zu wählen: von hochneutralen Lösungen wie SOLARLUX® E71 bis zu reflektierenden Varianten für besondere gestalterische Anforderungen.

Verglasungstypen im energetischen Vergleich

Verglasungstyp

Tv (%)

g-Wert

Selektivität (S)

Charakteristik

Standard-Isolierglas

80

0,62

1,29

Viel Licht, sehr viel Hitze

Wärmeschutzglas (Low-E)

75

0,55

1,36

Fokus auf Winter-Isolierung

Sonnenschutzglas (Basis)

62

0,40

1,55

Solider Schutz, dunkler

SOLARLUX® A71 (Hochleistung)

70

0,37

1,89

Balance & Neutralität

SOLARLUX® X60 (hochselektiv)

60

0,28

2,14

Maximaler Hitzeschutz

Selektivität bei Glas

4. Normen und GEG

Das Gebäudeenergiegesetz (GEG) und die DIN 4108-2 (sommerlicher Wärmeschutz) legen klare Grenzwerte für den Sonneneintragskennwert fest. Mit den zunehmend heißen Sommern wird der Nachweis des sommerlichen Wärmeschutzes häufig zur größten Hürde im Genehmigungsverfahren.

Hochselektive Gläser – etwa aus der SOLARLUX®-Serie – sind oft der einzige Weg, große Glasflächen umzusetzen, ohne die Fassade dauerhaft hinter geschlossenen Jalousien zu verbergen. Die Selektivität verbindet damit gesetzliche Anforderung und den Wunsch nach Transparenz.

5. Planungshinweise: wo Selektivität den Unterschied macht

  • Süd- und Westfassaden: Varianten mit hoher Selektivität und niedrigem g-Wert.
  • Nordfassaden: Gläser mit Schwerpunkt auf Lichttransmission.

Weil die Schichten innerhalb der Serie technologisch aufeinander abgestimmt sind, wirkt die Fassade trotz unterschiedlicher technischer Werte an allen Himmelsrichtungen optisch einheitlich.

Sonnenschutzglas im Passivhaus – welche Werte sind entscheidend?

6. Nachhaltigkeit: Klimaresilienz durch Glas

Mit der Klimaerwärmung wird Kühlen zum neuen Heizen. In modernen Bürogebäuden übersteigt der Energiebedarf fürs Kühlen oft bereits den fürs Heizen. Ein hochselektives Glas ist damit eine Investition in die Klimaresilienz des Gebäudes.

Entwicklungen wie Jalousien im Scheibenzwischenraum oder funktransparente Beschichtungen zeigen: Der Selektivitätswert bildet die Basis für eine multifunktionale Gebäudehülle.

Qualität zeigt sich im Verhältnis. Ein guter Planer fragt nicht nur nach dem g-Wert, sondern nach der Selektivität. Wer ein Gebäude entwirft, das auch in zwanzig Jahren noch energieeffizient und nutzerfreundlich sein soll, muss die Balance zwischen Licht und Wärme beherrschen – und die Selektivität ist das präziseste Maß dafür.

Autor: Marketing Abteilung Arnoldglas

FAQ

Verfälscht eine hohe Selektivität die Farbwiedergabe?

Früher ja. Moderne Schichten sind heute so optimiert, dass sie eine sehr hohe Farbwiedergabe (Ra-Werte bis 97) erreichen.

Wie beeinflusst die Selektivität den sommerlichen Wärmeschutz?

Sie hält den g-Wert niedrig, ohne den Raum optisch abzuriegeln. So lassen sich die Anforderungen der DIN 4108-2 leichter erfüllen.

Ist der Selektivitätswert bei Dreifach-Isolierglas anders?

Das Grundprinzip bleibt gleich (S = Tv / g). Auch hier bestimmt vor allem die Sonnenschutzbeschichtung die Selektivität. Der zusätzliche Scheibenaufbau senkt zwar den g-Wert weiter, die Selektivität bleibt aber meist auf ähnlichem Niveau wie bei vergleichbaren Zweifachgläsern mit gleicher Beschichtung. Entscheidend ist die Qualität der Beschichtung, nicht die Zahl der Scheiben.

Kann ich Selektivität durch Jalousien ersetzen?

Jalousien schützen vor Blendung, blockieren aber auch Licht. Hochselektives Glas sorgt dafür, dass mechanische Systeme seltener geschlossen werden müssen.

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