Glasfassaden müssen heute zwei Dinge leisten, die sich technisch im Weg stehen können. Sie sollen solare Lasten abfangen, damit Innenräume auch im Hochsommer nutzbar bleiben – und sie müssen gleichzeitig konstruktiv sicher sein, für Personen im Gebäude wie darunter. Beide Anforderungen treffen an derselben Scheibe aufeinander, und die Entscheidung zwischen Einscheiben- und Verbundsicherheitsglas fällt deshalb selten nur aus Sicherheitsgründen.
Warum Sonnenschutz überhaupt ein Sicherheitsthema ist
Sonnenschutzgläser arbeiten mit hauchdünnen selektiven Beschichtungen, die sichtbares Licht passieren lassen und die kurzwellige Infrarotstrahlung der Sonne reflektieren oder absorbieren. Genau dieser Absorptionsanteil ist der Punkt, an dem Sicherheit ins Spiel kommt.
Absorbierte Energie wird im Glas in Wärme umgesetzt. Liegt ein Teil der Scheibe im Schatten – durch einen Sturz, eine Laibung, ein benachbartes Gebäude oder eine innenliegende Verschattung –, entstehen Temperaturdifferenzen innerhalb einer einzigen Scheibe. Die erwärmten Bereiche dehnen sich aus, die kühlen nicht. Überschreitet die daraus resultierende Spannung die Festigkeit des Glases, kommt es zum thermischen Bruch. Vorgespannte Gläser sind hier keine Komfortoption, sondern technische Voraussetzung.
MONOPACT® (ESG): der thermische Puffer der Fassade
Einscheibensicherheitsglas entsteht, indem Floatglas auf über 600 °C erhitzt und anschließend schlagartig abgekühlt wird. Dabei bauen sich dauerhafte Druckspannungen an der Oberfläche und Zugspannungen im Kern auf. Das Ergebnis heißt bei Arnold Glas MONOPACT® und verändert drei Eigenschaften grundlegend.
Die physikalische Funktionsweise
Temperaturwechselbeständigkeit: Während gewöhnliches Floatglas bereits bei Temperaturdifferenzen um 40 K bricht, hält vorgespanntes Glas Differenzen bis etwa 200 K stand. Das ist der eigentliche Grund für den Einsatz in stark absorbierenden Sonnenschutzaufbauten.
Biegebruchfestigkeit: Die Scheibe verträgt deutlich höhere Windlasten und mechanische Stöße – relevant bei großen Formaten und exponierten Lagen.
Bruchbild: Im Versagensfall zerfällt ESG in ein Netz kleiner, stumpfkantiger Krümel. Das Risiko schwerer Schnittverletzungen sinkt erheblich. Eine Resttragfähigkeit besitzt die Scheibe danach allerdings nicht mehr – und genau hier endet der Anwendungsbereich.
Formate, Dicken und Vorspanngrade im Überblick: MONOPACT® Einscheibensicherheitsglas
MULTIPACT® (VSG): konstruktive Sicherheit mit Zusatznutzen
Verbundsicherheitsglas besteht aus zwei oder mehr Scheiben, die unter Hitze und Druck dauerhaft mit einer reißfesten Polyvinylbutyral-Folie laminiert werden. Bei Arnold Glas läuft das unter MULTIPACT®. Die Folie hält die Bruchstücke im Verbund – daraus ergeben sich die klassischen Einsatzfälle.
Sicherheit durch Resttragfähigkeit
Absturzsicherung: Glasbrüstungen und bodentiefe Fenster müssen Personen auch im Bruchfall vor dem Absturz bewahren. Das leistet nur ein Verbund mit Resttragfähigkeit.
Überkopfverglasung: Über Aufenthaltsbereichen verhindert VSG, dass Scherben herabfallen. ESG allein ist dort in aller Regel unzulässig.
Einbruchhemmung: Je nach Aufbau und Folienstärke bietet der Verbund abgestuften Schutz gegen Durchwurf oder Durchbruch.
Der verborgene Vorteil: UV-Schutz und Akustik
Hinzu kommen zwei Effekte, die in der Planung oft unterschätzt werden. Die PVB-Schicht sperrt UV-Strahlung nahezu vollständig – rund 100 Prozent werden zurückgehalten, Möbel, Textilien und Ausstellungsstücke bleichen dadurch spürbar langsamer aus. Und der Verbund dämpft Schallwellen, was VSG zu einem naheliegenden Baustein für lärmbelastete Fassaden macht; systematisch aufgebaut findet sich das in AKUSTEX® Schallschutzglas.
Kombinierbar ist der Verbundaufbau darüber hinaus mit weiteren Funktionen – etwa mit ORNILUX® Vogelschutzglas, wenn zusätzlich zur konstruktiven Sicherheit eine Kollisionsminderung gefordert ist.
Die Brücke zum Sonnenschutz: der g-Wert
Der Gesamtenergiedurchlassgrad beschreibt, welcher Anteil der Sonnenenergie tatsächlich in den Raum gelangt. Moderne Sonnenschutzgläser erreichen g-Werte um 0,28 – gut 70 Prozent der solaren Wärmeenergie werden also zurückgehalten, teils durch Reflexion, teils durch Absorption im Glas selbst. Die Grundlagen dazu stehen in Was ist der g-Wert?.
Für die Planung gilt: Den g-Wert nie isoliert betrachten. Ein sehr niedriger Wert kann Innenräume unerwünscht verdunkeln und den Kunstlichtbedarf erhöhen. Aussagekräftig ist erst das Verhältnis zur Lichttransmission – nachzulesen unter Selektivität bei Glas. Und je höher der Absorptionsanteil einer Beschichtung, desto zwingender wird die thermische Vorspannung.
KENNWERTE BERECHNEN
Ug-Wert, g-Wert und Lichttransmission für konkrete Aufbauten ermitteln: ISOLAR® Calculator · Aufbauten systematisch durchgehen: ISOLAR® Kompass


